Wird TikTok künftig Wahlen beeinflussen?
Junge Wähler*innen sind häufiger auf TikTok als ältere. Welche Inhalte sie dort sehen, hat Einfluss auf ihre politische Meinungsbildung. Hilft der Algorithmus populistischen Parteien, Wahlen zu gewinnen? – Aus der Reihe: Was sagt die Wissenschaft?
09.04.2026
Es war so etwas wie die Gretchenfrage der jüngsten Landtagswahlen: Unter jungen Leuten war die AfD stärkste Partei. Nun nutzen junge Menschen TikTok mehr als ältere. Steckt dahinter nur eine Korrelation oder auch eine Kausalität? Und wenn dann die Linkspartei bei der Bundestagswahl unter Wählern zwischen 18 und 24 doch stärker als die AfD abschnitt: Liegt das daran, dass Heidi Reichinnek auf TikTok noch besser lief als Alice Weidel?
Jakob Ohme leitet die Forschungsgruppe Digital News Dynamics am Weizenbaum-Institut. Er sagt: Aus wissenschaftlicher Sicht sei das nicht so leicht zu bestätigen oder zu falsifizieren. Denn die Beantwortung der Frage sei mit mehreren methodischen und praktischen Problemen verbunden.
Welche Inhalte sehen Social-Media-Nutzer*innen während eines Wahlkampfes?
Nach fast jeder Wahl kristallisieren sich in der öffentlichen Debatte Themen und Fragen heraus, die besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dass neue Medienplattformen und ihre möglichen Effekte und Auswirkungen auf die politische Meinungsbildung dabei besonders in den Fokus rücken, ist für Ohme nachvollziehbar: „Eine neue Plattform oder neue Informationsumgebung bringt immer auch Verunsicherung mit sich. Es ist dann Aufgabe von Wissenschaftler*innen, das zu überprüfen.”
Ohmes Forschungsgruppe hat zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk, der Stuttgarter Zeitung und der Universität Zürich erforscht, welche Inhalte Nutzende digitaler Plattformen wie TikTok während eines Wahlkampfes sehen.
Dazu musste zuerst das Problem der Datenverfügbarkeit gelöst werden. Denn eigentlich haben Forschende keine Einsicht, welche Inhalte zum Beispiel der TikTok-Algorithmus wem wie ausspielt. Die Wissenschaftler*innen haben sich damit beholfen, Nutzer*innen zu bitten, ihre Daten zu spenden – ein deutschlandweit in dieser Größenordnung bisher einzigartiges Vorgehen. Dank der Datenschutz-Grundverordnung ist das theoretisch einfach, praktisch dann aber doch wieder kompliziert: Die Nutzenden müssen ihre Daten bei der Plattform anfordern und dann an die Wissenschaft weitergeben.
„Die Datenspenden, die wir von TikTok bekommen, sind dabei deutlich aussagekräftiger als die von Facebook und Instagram. TikTok speichert einfach sehr viel mehr Daten als andere Plattformen.“
Aus den Datenspenden konnten die Forschenden dann quasi nachbauen, wie der Algorithmus funktioniert: Wer bekommt AfD-Videos angezeigt? Wie oft? Und wer nicht? Wenn man diese Daten mit Befragungsdaten zu den politischen Präferenzen kombiniert, wie es Ohmes Team getan hat, entsteht ein aussagekräftiges empirisches Bild darüber, ob und wie das eine mit dem anderen zusammenhängen könnte.
Ohme sagt: „Spoiler alert: Nicht so stark, wie das teilweise vermutet wurde. Das heißt, dass zwar eine algorithmische Auswahl besteht, nach der Inhalte gemäß der eigenen parteipolitischen Präferenz ausgespielt wurden, aber doch nicht so stark, dass jemand nur Videos zu sehen bekäme, die die eigene Haltung widerspiegeln.”
Ohme hat das nicht wirklich überrascht. Einerseits, weil er schon vorher kein Anhänger der Filterblasen-These gewesen sei, die sei schon länger widerlegt. Andrerseits aber auch, weil die Bundestagswahl früher stattfand, als eigentlich geplant war. Dadurch sei der Beobachtungszeitraum zu kurz gewesen, um wirklich überprüfen zu können, wie sich die politische Präferenz ändert, wenn jemand bestimmten Inhalten verstärkt ausgesetzt war. Einen solch längeren Zeitraum wird Ohmes Team in diesem Jahr erst für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im Herbst untersuchen können.
Was aber sagt er zu dem Einwand mancher seiner Kolleg*innen: Dass Parteipräferenzen ohnehin viel stabiler seien als angenommen, weil sie sich aus biografischen Erfahrungen speisen, die von einem TikTok-Video nicht einfach überschrieben werden? Ohme entgegnet:
„Es gibt neben den sehr stabilen und mit einer Partei verbundenen Wähler*innen immer auch einen Anteil, der fluktuiert. Gerade unter den Jungwähler*innen, die mal eher zur FDP, dann zu den Grünen und jüngst zur AfD oder der Linkspartei tendierten. Bei dieser Gruppe spielen medial vermittelte Inhalte sehr wohl eine Rolle.“
Deshalb ist die Frage, welcher Binnenlogik der TikTok-Algorithmus folgt, nicht trivial: Dessen Ziel ist es, dass Menschen möglichst lange und möglichst oft auf der Plattform bleiben. Ob sie das wegen Clips von Maximilian Krah, Heidi Reichinnek oder Cristiano Ronaldo tun, ist mutmaßlich zweitrangig. Aber der Algorithmus mäandere, sagt Ohme: Er mixe stets Neues mit Altem, weil die Wiederholung des Immergleichen schnell ermüden würde.
An dieser Stelle kommt das „Game” ins Spiel, also die Könnerschaft der Social-Media-Abteilungen der jeweiligen Parteien: Denn wenn ein Video von Alice Weidel viral geht und eines von Jens Spahn nicht, sehen eben mehr Nutzende AfD-Content. Welches Potenzial allen politischen Parteien offensteht, ist also klar. Wie sehr ihre Clips dann tatsächlich auch die Präferenzen der Wähler*innen beeinflussen, kann Jakob Ohme erst nach Auswertung der Daten der derzeit laufenden Studie sagen.
Von Pepe Egger
Das Weizenbaum-Institut wurde im Jahr 2017 gegründet und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie dem Land Berlin gefördert. Die Freie Universität Berlin ist Teil des Forschungsverbunds aus Berlin und Brandenburg, der das Institut trägt. Weitere Verbundpartner sind die Humboldt-Universität zu Berlin, die Technische Universität Berlin, die Universität der Künste Berlin und die Universität Potsdam sowie das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).
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