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Wie viel Reichtum haben wir verdient?

Mehr als die Hälfte aller Vermögen in Deutschland stammt aus Erbschaften und Schenkungen – nicht aus eigener Leistung. Ist das gerecht? – Was sagt die Wissenschaft?

27.03.2026

Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin antworten auf Fragen unserer Zeit. Diesmal: Dr. Martyna Linartas und Prof. Dr. Stefan Gosepath, Philosophie.

Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin antworten auf Fragen unserer Zeit. Diesmal: Dr. Martyna Linartas und Prof. Dr. Stefan Gosepath, Philosophie.
Bildquelle: Erstellt mit KI

Die Vermögensungleichheit in liberalen Demokratien nimmt seit den vergangenen Jahrzehnten massiv zu – auch in Deutschland. Während die Bundesrepublik bei Einkommen im Mittelfeld der Industrieländer rangiert, erreicht sie in puncto Vermögensungleichheit einen unrühmlichen Spitzenplatz unter den Demokratien dieser Welt. Diese Vermögensungleichheit gehört inzwischen zu den größten Herausforderungen liberaler Demokratien.

Erbschaften und Schenkungen machen die Hälfte des Vermögens aus

Jede Gesellschaft braucht ihre Rechtfertigungen für ihre Ungleichheiten. Eines der gängigsten Narrative der Moderne lautet: Jeder ist seines Glückes Schmied; Leistung legitimiert die Verteilung von Vermögen. Doch vieles liegt nicht in unserer Hand: Das Elternhaus prägt finanziell und soziokulturell die Chancen von Kindern, in der Bildung wird keine ausgleichende Chancengleichheit hergestellt, Talente entspringen einer natürlichen Lotterie, der Markt wird durch diese und andere Zufälle regiert. Wie können Erfolg (oder Misserfolg) da verdient sein? Mehr noch: Individuelle Vermögen werden zu einem überwiegenden Teil nicht durch Leistung verdient, sondern durch Erbschaften und Schenkungen erworben. Für Deutschland wird der Anteil der Vermögen, der auf Erbschaften und Schenkungen zurückgeht, mit mehr als 50 Prozent beziffert.

Das widerspricht den Gerechtigkeitsprinzipien einer liberalen Gesellschaft

Erbschaften und Schenkungen tragen nicht nur faktisch und empirisch belegt einen erheblichen Teil dazu bei, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht – sie sind auch normativ betrachtet ungerecht. Denn sie verstoßen gegen allgemein anerkannte Gerechtigkeitsprinzipien liberaler Gesellschaften, wie das Prinzip der Chancengleichheit, und die Übereinkunft, dass Lebenschancen und Vermögen auf dem jeweils eigenen Beitrag zur Gesellschaft beruhen sollten. Eine sehr hohe Vermögensungleichheit geht zudem mit einer Konzentration ökonomischer Macht und politischer Einflussnahme einher und gefährdet damit unsere Demokratie sowie den sozialen Zusammenhalt. Die USA dienen als abschreckendes Beispiel.

Dabei ist Erbschaft nicht per se problematisch oder ungerecht. Vielmehr sind es ihre Auswirkungen. Würde das Erbe egalitär als mehr oder weniger gleiches Erbe für alle gestaltet, gäbe es keine Probleme mit Erbschaften und Schenkungen.

Martyna Linartas und Stefan Gosepath


Dr. Martyna Linartas

Dr. Martyna Linartas
Bildquelle: Norman Konrad

Prof. Dr. Stefan Gosepath

Prof. Dr. Stefan Gosepath
Bildquelle: Sebastian Pfütze

Dr. Martyna Linartas, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin und im Exzellenzcluster SCRIPTS. 

Prof. Dr. Stefan Gosepath, Professor für Praktische Philosophie am Institut für Philosphie der Freien Universität und Principal Investigator im Exzellenzcluster SCRIPTS.

Beide forschen zur Entstehung von Reichtum und Vermögensungleichheit in Deutschland. „Extreme Vermögensungleichheit ist eine Bedrohung für liberale Demokratien, den Leistungsanspruch und den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, sagt Stefan Gosepath. Am Drittmittelprojekt „The Deserving Rich – A Multi-Disciplinary Analysis of the (Re-)Production of (German) Wealth“ des Exzellenzclusters SCRIPTS ist neben der Freien Universität Berlin die Technische Universität Dortmund beteiligt. Gefördert wird das von Juni 2023 bis Mai 2027 laufende Projekt von der Volkswagen Stiftung.

Weitere Informationen

Was sagt die Wissenschaft? In dieser Reihe antworten Forschende der Freien Universität Berlin auf Fragen unserer Zeit. Weitere Beiträge folgen.

Dieser Beitrag ist zuerst am 21. Februar 2026 erschienen in: Die ZEIT 9/26, Sonderbeilage zum 80. Geburtstag