Springe direkt zu Inhalt

„Es war ein Desaster für die gesamte Menschheit“

Marina Allal und Stefan Liebig haben mit Studierenden die Ausstellung “October 7, 06:29 AM – The Moment Music Stood Still” besucht

01.12.2025

Eine Wand mit Bildern von Opfern des Terrorangriffs der Hamas auf das Musikfestival in Israel in der Ausstellung “Nova Music Festival Exhibition” im ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Eine Wand mit Bildern von Opfern des Terrorangriffs der Hamas auf das Musikfestival in Israel in der Ausstellung “Nova Music Festival Exhibition” im ehemaligen Flughafen Tempelhof.
Bildquelle: picture alliance/dpa | Carsten Koall

Überlebende des Terrorangriffs der Hamas auf das Nova-Musikfestival in Israel erinnern mit einer eindrücklichen Ausstellung an die Ereignisse des 7. Oktober 2023. Eine Gruppe von Studierenden und Mitarbeitenden der Freien Universität Berlin besuchte die Ausstellung „October 7, 06:29 AM – The Moment Music Stood Still“, die bis zum 16. November in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu sehen war. Dort trafen sie die junge Überlebende Hadar Sharvit. 

Zeitgleich zu einem massiven Raketenbeschuss Südisraels durchbrechen schwerbewaffnete Terroristen der Hamas am 7. Oktober 2023 die Grenzanlagen des Gazastreifens. Mehrere Stunden lang verüben sie an diesem Tag das größte Massaker an Jüdinnen und Juden seit der Shoah. Auf ihrem mörderischen Streifzug treffen sie damals auch auf die Feiernden des Nova-Festivals. Tausende junge Menschen aus Israel und aller Welt tanzen dort gerade in den Sonnenaufgang, als sie von den Terroristen überrascht werden. 378 Menschen werden ermordet. 44 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. „Der 7. Oktober war ein Desaster für die gesamte Menschheit“, sagt Hadar Sharvit. „Und daran möchte ich – unabhängig von dem, was danach passiert ist – erinnern.“ 

Die israelische Mathematiklehrerin war am 7. Oktober mit Freunden auf dem Festival. Nach einer chaotischen Flucht, erzählt sie, habe sie sich fünf Stunden lang im Gebüsch versteckt, ehe sie von israelischen Soldaten gerettet wurde. „Ich habe versucht, mich auf meinen Atem zu konzentrieren“, sagt sie. „Während ich hörte, wie um mich herum Menschen getötet, vergewaltigt und geschändet wurden.“ 

Heute engagiert sich Hadar Sharvit mit anderen Überlebenden in der Tribe of Nova Foundation, einem Zusammenschluss von Festivalbesucher*innen, die sich gegenseitig dabei unterstützen, die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten. Seit vergangenem Jahr tourt die Nova Foundation mit einer eigenen Ausstellung um die Welt, um den Terrorangriff gleichsam faktenorientiert und emotional aufzuarbeiten: Im Rahmen der „Nova Exhibition“ sprechen Überlebende im Rahmen von Podiumsdiskussionen über ihre Geschichte.

Aufklären und den Dialog fördern 

Studierende und Mitarbeitende der Freien Universität Berlin haben die Ausstellung auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof besucht. „Die Massaker vom 7. Oktober und die darauf erfolgte israelische Offensive im Gazastreifen haben weltweit zu politischen Auseinandersetzungen geführt, die auch an der Freien Universität Berlin ihre Spuren hinterlassen haben“, sagt Marina Allal. „Mit einem gemeinsamen Besuch möchten wir Aufklärungsarbeit leisten und den Dialog fördern.“ 

Marina Allal ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin sowie an der Hochschule eine der drei Ansprechpersonen für von Antisemitismus Betroffene und Vertrauensdozentin des Netzwerks jüdischer Hochschullehrender. Sie hat die Exkursion gemeinsam mit Stefan Liebig, Professor für Sozialstrukturanalyse am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin, organisiert. 

„In den vergangenen Jahren waren auf Demonstrationen und Besetzungen an der Freien Universität Berlin und in ganz Berlin wiederholt antisemitische Äußerungen zu hören. Dabei wurden auch die Massaker vom 7. Oktober verharmlost“, sagt sie. „Wir wollten Studierenden die Gelegenheit geben, sich in der Ausstellung ein umfassendes Bild von den Geschehnissen zu machen.“ Gleichsam habe man mit der Exkursion auch ein Angebot für von Antisemitismus betroffene Studierende schaffen wollen. „Mir war es wichtig, eine Begegnung mit Überlebenden möglich zu machen“, sagt Allal. „Die Studierenden sollten jemanden wie Hadar Sharvit kennenlernen, die auf fürchterliche Weise betroffen ist und nun so mutig darüber spricht. Es ist eine ungeheuer kraftvolle und wichtige Erfahrung, das Schweigen zu brechen.“

Ursprünglich hatte Hadar Sharvit im Seminar des Soziologen Stefan Liebig an der Freien Universität Berlin sprechen sollen. Das Team der Nova Exhibition hatte jedoch aus Sicherheitsgründen entschieden, das Gespräch auf das Ausstellungsgelände in Tempelhof zu verlegen.

Antisemitische Äußerungen und Darstellungen erkennen helfen

Stefan Liebig beschäftigt sich in seiner Forschung mit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft. In diesem Wintersemester bietet er für Masterstudierende das Seminar „Antisemitismus: Konzepte, Messungen und Empirische Ergebnisse“ an. „Vielen Studierenden scheinen heute leider grundlegende Informationen über die Geschichte des Antisemitismus und seine gegenwärtigen Ausprägungen zu fehlen“, sagt er. „Antisemitische Äußerungen und Darstellungen werden mitunter gar nicht als solche erkannt. Hier müssen wir entgegenwirken.“

Viele Studierende seien von der Ausstellung sichtlich berührt gewesen, berichtet Marina Allal. „Es sind Bilder des Schreckens, die wir dort zu sehen bekommen“, sagt sie. „Dabei wird auch deutlich, wie hochgradig fanatisiert die Täter waren. Das vielfache Morden wurde offenbar in einer Art Rausch von ihnen ersehnt und gefeiert. Hier ist die Wissenschaft einmal mehr aufgerufen zu erforschen, wie solche Dynamiken möglich werden.“

„Wut und Hass werden uns nicht weiterbringen“

Auf dem Podium berichtet Hadar Sharvit, wie schwierig es ihr und anderen Überlebenden des Massakers noch immer gemacht wird, ihre Geschichte zu erzählen. „Ich war nun schon auf einigen Podien in verschiedenen Ländern“, sagt sie. „Immer wieder werden unsere Geschichten angezweifelt, wird uns vorgeworfen zu übertreiben oder Dinge zu erfinden.“ Ihr sei schon wenige Wochen nach dem Angriff klar geworden, dass es von nun an ihre Aufgabe sei, der Welt von den Geschehnissen des 7. Oktober zu berichten. „Wir können nur heilen, wenn wir gemeinsam darüber sprechen, was passiert ist“, sagt sie. „Wut und Hass werden uns nicht weiterbringen.“

Weitere Informationen

Im Wissenschaftlichen Debattenraum zum Nahen und Mittleren Osten finden Sie weitere Artikel und Informationen dazu, an welchen Instituten und Arbeitsbereichen an der Freien Universität Berlin eng vernetzt zur Region geforscht und gelehrt wird.