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Fünf Euro und eine Idee

Wie Gründungslehre an der Freien Universität funktioniert

10.04.2026

Beim Funpreneur-Wettbewerbs erleben Studierende Gründungslehre ganz praktisch: Das Team CupGuard belegte 2025 den ersten Platz.

Beim Funpreneur-Wettbewerbs erleben Studierende Gründungslehre ganz praktisch: Das Team CupGuard belegte 2025 den ersten Platz.
Bildquelle: Catharina Werner 

Ein Unternehmen zu gründen klingt für viele nach Excel-Tabellen und endlosen Kalkulationen. Nach etwas, das eher in Seminare der Betriebswirtschaftslehre gehört als in den eigenen Studienalltag. An der Freien Universität Berlin ist der Zugang breiter. Hier ist Gründungslehre auch in der Allgemeinen Berufsvorbereitung (ABV) verankert, in der Studierende ganz unterschiedlicher Fachrichtungen übergreifende Kompetenzen erwerben.

Verantwortlich für die Kurse ist der Digital Entrepreneurship Hub (DEH) am Fachbereich Wirtschaftswissenschaft. „Der DEH bündelt Lehre, Forschung und Transfer rund um das Thema Unternehmertum unter einem Dach“, erklärt Janina Sundermeier, Juniorprofessorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt auf Digital Entrepreneurship und Diversity. Gemeinsam mit den Professoren Martin Gersch und Hannes Rothe gründete sie den Hub im Jahr 2018. Wie das konkret aussieht, zeigt sich weniger in Konzeptpapieren als im Kursalltag. „Wer über Unternehmertum redet, sollte es auch ausprobieren können“, sagt die Dozentin Dr. Catharina Werner, die die Lehrveranstaltungen gestaltet und den DEH koordiniert.

Raus aus der „Bubble“

Wer sich für eine Veranstaltung der Gründungslehre anmelden möchte, braucht weder eine fertige Idee noch betriebswirtschaftliches Vorwissen. Gerade diese Offenheit führt zu einer ungewöhnlich vielfältigen Mischung. In den Kursen arbeiten Studierende aus fast allen Fachbereichen zusammen. Unterschiedliche fachliche Hintergründe seien kein Hindernis, betont Catharina Werner, sondern oft der Ausgangspunkt für neue Ideen. Wenn verschiedene Denkweisen aufeinandertreffen, entstehe so „nochmal ein anderer Twist“.

Physikstudentin Maria möchte Forschung und Wirtschaft für sich verbinden.

Physikstudentin Maria möchte Forschung und Wirtschaft für sich verbinden.
Bildquelle: Video von Karsten Prühl, Daniel Goede, Franziska Wulschke

Maria studiert Physik und arbeitet nebenbei in einer Unternehmensberatung. Die Startup-Bubble hatte sie lange als oberflächlich wahrgenommen. Also nutzte sie die Gründungslehre als Werkzeug: „Ich wollte gucken, ob das nicht irgendwie besser geht, aber eben auf der universitären Ebene.“ Ihre anfängliche Sorge, nicht genug Unterstützung zu bekommen, löste sich schnell auf. „Im Zweifelsfall kommen immer Leute auf dich zu“, sagt sie. Langfristig möchte sie Wirtschaft und Forschung miteinander verbinden und hat gelernt, dass das kein Widerspruch sein muss.

Vom Problem zur Idee

Mit ihrem Team CupGuard entwickelte Öykü einen auslaufsicheren Silikonüberzug für Trinkflaschen.

Mit ihrem Team CupGuard entwickelte Öykü einen auslaufsicheren Silikonüberzug für Trinkflaschen.
Bildquelle: Video von Karsten Prühl, Daniel Goede, Franziska Wulschke

Doch wie wird aus einem Gedanken ein tragfähiges Geschäftsmodell? „Gute Ideen lösen ein reales Problem“, erklärt Werner. Das zeigt das Beispiel CupGuard besonders anschaulich. Aus einem alltäglichen Ärgernis, einer auslaufenden Wasserflasche im Rucksack und einem beschädigten Laptop entstand die Idee für einen wasserdichten Silikonüberzug. Linda, eine der CupGuard-Gründerinnen, betont, sie habe im Prozess vor allem das „Handwerk“ gelernt, aus einer Beobachtung Schritt für Schritt eine strukturierte Lösung zu entwickeln. Teammitglied Öykü ergänzt, am schönsten sei gewesen, im Team in einem sicheren Rahmen gemeinsam zu üben, wie man pitcht und eine Idee überzeugend präsentiert.

Aylin startete im BusinessplanLab und gründete die Community-App City-Flock.

Aylin startete im BusinessplanLab und gründete die Community-App City-Flock.
Bildquelle: Video von Karsten Prühl, Daniel Goede, Franziska Wulschke

Wie sehr sich Ideen im Laufe eines Projekts verändern können, erlebte Aylin. Sie startete im BusinessplanLab mit einem Konzept für Taxis von Frauen für Frauen, in denen sich Frauen auch nachts völlig sicher fühlen können. Mit Beginn der Pandemie änderten sich jedoch die Rahmenbedingungen und aus dem Frauentaxi wurde City-Flock, eine Community-App, über die Nutzerinnen und Nutzer sich vernetzen, Safe Spots markieren und Hinweise zu unsicheren Orten teilen können. Ziel ist es, sich im öffentlichen Raum informierter und sicherer zu bewegen, etwa auch gemeinsam auf dem Heimweg. Heute wird das Projekt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. „Die Idee musste sich entwickeln“, sagt Aylin. Ob sie ohne den Kurs gegründet hätte? „Unwahrscheinlich“, so die Antwort.

Drei Formate, drei Zugänge

Die Gründungslehre für Bachelorstudierende an der Freien Universität gliedert sich in drei Formate. Im Funpreneur‑Wettbewerb geht es darum, das Gründen unmittelbar auszuprobieren. Studierende entwickeln in Teams eine Geschäftsidee, erhalten symbolische fünf Euro Startkapital und gründen innerhalb weniger Wochen ein Unternehmen auf Zeit. Workshops, Coachings und rechtliche Beratung begleiten den Prozess. Am Ende steht ein Pitch vor einer Jury aus Wirtschaftsvertreterinnen und -vertretern.

Im BusinessplanLab arbeiten die Teilnehmenden strukturierter: Ideen werden systematisch ausgearbeitet, von der Marktrecherche über das Geschäftsmodell bis zur Finanzierung. Die Teams kooperieren mit bestehenden Start‑ups oder entwickeln eigene Konzepte weiter. Viele nehmen anschließend am Businessplan-Wettbewerb Berlin-Brandenburg teil, bei dem die Freie Universität in der Gesamtwertung unter den Berliner Universitäten regelmäßig erfolgreich abschneidet.

Der Kurs Entrepreneurship with Purpose verschiebt den Ausgangspunkt: Hier stehen Werte, persönliche Motivation und gesellschaftliche Fragen im Mittelpunkt, angelehnt an die Sustainable Development Goals und die Theory U von Otto Scharmer, der am Massachusetts Institute of Technology in den USA lehrt. „Journaling“ und gemeinsame Reflexion sind Teil des Prozesses, die eigentliche Geschäftsidee entsteht dabei oft erst im Verlauf des Seminars.

Teamarbeit als Lernfeld

Unterschiedliche fachliche Hintergründe sind kein Hindernis, sagt Catharina Werner, sondern Ausgangspunkt für neue Ideen.

Unterschiedliche fachliche Hintergründe sind kein Hindernis, sagt Catharina Werner, sondern Ausgangspunkt für neue Ideen.
Bildquelle: Video von Karsten Prühl, Daniel Goede, Franziska Wulschke

Unabhängig vom Kursformat ist Teamarbeit die wichtigste Voraussetzung. Diese sei jedoch häufig anspruchsvoller als erwartet, sagt Catharina Werner: „Man legt sein Schicksal auch ein Stück weit in die Hände von anderen.“ Unterschiedliche Arbeitsweisen, Erwartungen, Ressourcen und Ziele müssen unter Zeitdruck zusammenfinden.

Aylin beschreibt das rückblickend als „Hürde, aber im positiven Sinne“. Gerade die verschiedenen Perspektiven im Team hätten ihre Idee immer wieder vorangebracht. Um diesen Effekt zu unterstützen, experimentiert das Team der Gründungslehre mit neuen Formaten: Übungen aus dem Improvisationstheater etwa sollen zu Beginn Hemmungen abbauen, bevor die eigentliche Zusammenarbeit beginnt.

Der Weg ist das Ziel

Trotz des starken Bezugs zur Praxis geht es in der Gründungslehre nicht in erster Linie darum, möglichst viele Start-ups hervorzubringen. „Unser Ziel ist nicht, dass aus den Kursen lauter Unternehmer*innen herausspazieren“, sagt Werner. Wichtiger ist ihr, dass Studierende lernen, mit Unsicherheit umzugehen und herausfinden, ob Entrepreneurship überhaupt zu ihnen passt.

Unternehmerisches Handeln wird dabei bewusst breiter verstanden als in gängigen Gründungsnarrativen. Es gehe nicht um ein „höher, schneller, weiter“ oder reine Gewinnmaximierung, so Werner, sondern auch darum, einen tatsächlichen Mehrwert zu schaffen. Wie das gelingen kann, zeigt das Projekt „Über den Tellerrand“: Das Team startete im Funpreneur-Wettbewerb mit einem Kochbuch, das gemeinsam mit Geflüchteten am Oranienplatz in Kreuzberg entstand. Per Crowdfunding folgte eine professionelle Ausgabe, später ein gemeinnütziger Verein, der bis heute Kochkurse veranstaltet und von Menschen mit Fluchterfahrung geleitet wird.

Und dann?

Die Studierenden nehmen unterschiedliche Erfahrungen aus den Kursen mit: Einige entwickeln ihre Projekte weiter, andere gewinnen ein besseres Verständnis dafür, wie Teamarbeit, Feedback und Entscheidungsprozesse funktionieren. Allen gemeinsam ist die Erfahrung, eine eigene Idee in die Tat umzusetzen und etwas Neues zu wagen.

Weitere Informationen

Gründungslehre zum Mitmachen: 

Funpreneur - NextGen Founders Lab (ABV); Anmeldung über Campus Management; Kick-off ist am 13. April 2026, 14.00 bis 16.00 Uhr, in der Startup Villa der Freien Universität. Anmeldungen sind auch danach noch möglich, bis spätestens zum zweiten Termin am 20.04.2026.

BusinessplanLab (ABV); Anmeldung über Campus Management; Kick-off ist am 15. April 2026, 14.00 bis 18.00 Uhr, in der Startup Villa der Freien Universität.

Entrepreneurship with Purpose (ABV, in English); Anmeldung über Campus Management; Kick-off ist am 13. April 2026, 09.00 bis 12.00 Uhr, in der Startup Villa der Freien Universität. Anmeldungen sind auch danach noch möglich, bis spätestens zum zweiten Termin am 20.04.2026.