Der digitale Begleiter für den Ernstfall
Mit dem Start-up tilde wollen Anna Hupperth und Katharina Eller die Vorsorge für das Lebensende und das Nachlass-Management für Angehörige leichter machen
14.04.2026
Anna Hupperth (links) und Katharina Eller werden durch ein EXIST-Gründungsstipendium gefördert und haben ihr Büro in der Startup Villa der Freien Universität.
Bildquelle: Johanna Buchholz
„Welche drei Lieder sollen deine Beerdigung begleiten?“ – Beim Party-Smalltalk wäre das eine ungewöhnliche Frage, Gedanken an den Tod halten wir aus unserem Alltag lieber heraus. Für Anna Hupperth ist es ein sanfter Einstieg in das Thema Nachlass-Management. Sie richtet die Frage an die Teilnehmenden eines Online-Seminars: Innerhalb von sechs Wochen wollen 23 Menschen im Alter zwischen 25 und 55 Jahren sich mit Fragen zum Nachlass beschäftigen und haben deshalb einen „Vorsorge-Sprint“ beim Start-up tilde gebucht.
Eine Playlist für das eigene Begräbnis kann dazu gehören, ebenso Testament, Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, Sorgerechtsverfügung für die Kinder oder die Frage, wer sich nach dem Tod überhaupt um meine Angelegenheiten kümmern soll.
Raum für Gedanken, die sonst keinen Platz haben
„Jüngere Menschen machen sich kaum Gedanken über das Lebensende“, sagt Anna Hupperth. Aber natürlich kann es jeden treffen, und gerade in jungem Alter lassen sich selbstbestimmt wichtige Entscheidungen treffen. Werden sie nicht getroffen, stehen Angehörige im Ernstfall ohne Informationen da und können nur mutmaßen, was sich die Verstorbenen gewünscht hätten. Klar ist: Einen Nachlass zu verwalten, ist umso einfacher, je besser die verstorbene Person vorgesorgt hat.
Gemeinsam mit Katharina Eller hat Anna Hupperth eine Lösung entwickelt: „tilde begleitet dich und deine Angehörigen digital bei allen schwierigen Fragen und Entscheidungen rund um Vorsorge und End-of-Life-Planung begleitet“, erläutert sie.
Komplexe Fragen so gestellt, dass man sie leicht beantworten kann
Das vermeintlich undurchdringliche Gebilde gesetzlicher Regelungen und emotionaler Hürden zerlegen die Gründerinnen in kleine Arbeitspakete, geben Hintergrundinformationen und führen Schritt für Schritt durch den Prozess. Ihr Versprechen: Nach dem Vorsorge-Sprint ist das Wichtigste geregelt. Dann muss man nur noch jedes Jahr prüfen: Sind noch alle Angaben gültig? Ist Eigentum dazugekommen? Sind die Legacy-Kontakte, also Verwandte oder Freunde, die sich um den Nachlass kümmern sollen, aktuell?
Die Sprints sind jedoch nur der erste Baustein von tilde. Auf einer digitalen Plattform sollen Vorsorgende später ihre Dokumente sicher hinterlegen und Angehörigen Zugriff darauf gewähren. Im Todesfall werden die Legacy-Kontakte informiert und darüber, was wann getan werden muss. Auch hier geht es um überschaubare Schritte, damit die Menschen in der schwierigen Situation der Trauer nicht mit Behördengängen überfordert sind. Geplant ist außerdem eine Funktion, die es ermöglicht, Aufgaben unter mehreren Personen aufzuteilen. Der digitale Companion soll sich auch nach dem psychischen Befinden der Angehörigen erkundigen: „Wie fühlst du dich? Bist du bereit, die Trauerkarte zu schreiben?“ könnte er fragen. Ist die Antwort „nein“, muss diese Aufgabe eben noch warten. Oder an jemand anderen abgegeben werden.
Im Ernstfall nicht suchen oder raten
Rein digital funktioniert Nachlassmanagement in Deutschland zwar nicht: Einige Dokumente, zum Beispiel das Testament, müssen handschriftlich im Original vorliegen. Aber: Wenn bei tilde eine Kopie hinterlegt ist, wissen die Erben immerhin, dass es ein Testament gibt, wo es sich befindet und was es enthält.
Im dritten Stock der Startup Villa der Freien Universität haben die Gründerinnen ihr Büro. „Es ist so sagenhaft ruhig hier in Dahlem“, sagt Anna Hupperth. Hier könne sie sich voll auf die Arbeit konzentrieren. Seit drei Monaten erhält das Team ein EXIST-Gründungsstipendium an der Freien Universität, finanziert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Dazu gehören ein Büroraum und der Draht zu einer wissenschaftlichen Mentorin oder einem Mentor. Bei tilde übernimmt diese Rolle Martin Gersch, Professor für Betriebswirtschaftslehre, Information und Organisation an der Freien Universität. „Seine Expertise zu Datensicherheit im Gesundheitswesen passt perfekt zu uns“, sagt Katharina Eller. Inzwischen gehört auch Walid Khoury zum EXIST-Team und entwickelt die Benutzeroberfläche der digitalen Plattform.
Ruhe, Vertrauen, Kompetenz
Der Name tilde ging aus einem Workshop hervor. „Die Tilde ist ein mathematisches Symbol in Form einer Welle“, erläutert Katharina Eller. Ihre Form stehe auch für Übergang, Fluss und Prozess. Menschen verbinden mit dem Begriff Ruhe, Vertrauen, Kompetenz, ergab eine Umfrage im Freundeskreis. tilde klinge zudem wie der Name eines lieben Menschen, der dich in schweren Zeiten an die Hand nimmt.
Die Gründerinnen kennen sich seit ihren ersten Studientagen an der Universität Mannheim. Katharina studierte damals Betriebswirtschaftslehre und Anna Unternehmensjura. „Ich bin dann Mathematikerin geworden und habe zuletzt an der TU Berlin promoviert“, berichtet Katharina Eller. Anna Hupperth schloss ihr Studium in London ab und baute sechs Jahre lang die DigitalService GmbH des Bundes mit auf, ein Start-up zur Digitalisierung öffentlicher Dienstleistungen.
Sichere Lösung für sensible Daten
Den Anstoß für die Geschäftsidee erhielt Anna Hupperth, als sie für ihre Eltern vorsorgen wollte: „Ich dachte oft: Was mache ich, wenn ihnen etwas passiert?“ Ihre Mutter schrieb ein paar Informationen auf ein Blatt Papier, fotografierte es ab und schickte ihr das Foto per E-Mail – einschließlich der Passwörter für ihre Konten. In puncto Datenschutz verheerend, aber beiden fiel damals keine bessere Lösung ein.
Also recherchierte Anna Hupperth zum Thema Nachlassmanagement – und hatte auch als Juristin noch viele Fragen. Einen normalen Nachlass – ohne Streit und großes Vermögen – zu regeln, kann bis zu 400 Stunden dauern, haben Studien ergeben. „Das sind zehn Arbeitswochen – häufig über zwei Jahre verteilt. Die Behördengänge mit digitaler Unterstützung effektiver zu gestalten, ist also auch für Arbeitgeber interessant, weil Hinterbliebene dann weniger Urlaub dafür aufwenden müssen.“
Im Testlauf viel gelernt
Katharina Eller ließ sich von der Idee überzeugen, gemeinsam bewarben sie sich bei Grace, einem privaten Accelerator für Female Entrepreneurship, und wurden dort acht Monate lang mit dem Berliner-Startup-Stipendium gefördert. Katharina beschäftige sich mit Datensicherung und -schutz, Anna dachte über Geschäftsmodell und Marketing nach. Über die Gründungsberaterin Anna Figoluschka von Science & Startups kamen sie anschließend zum EXIST-Stipendium in die Startup Villa der Freien Universität.
Zwei Testdurchläufe ihres Sprints haben die Gründerinnen bisher kostenlos angeboten – und selbst viel dazugelernt und verbessert. Wie viel die Teilnahme künftig kosten wird, steht noch nicht fest. Bei allen Preisen – auch für die künftige Nutzung der digitalen Plattform – wollen sie transparent kommunizieren. „Es wird keine versteckten Kosten geben, dass man etwa bei Vertragsende seine Daten freikaufen muss oder dass sie an Dritte weitergegeben werden“, betont Anna Hupperth.
Vorsorge macht man nie allein
Als Zielgruppe sehen die Gründerinnen auch Studierende: Viele junge Leute sorgen sich besonders um ihren digitalen Nachlass, etwa darum, was aus ihren Social-Media-Konten wird. Auch eine Betreuungs- und Patientenverfügung sollten Menschen über 18 Jahren aufsetzen, damit ihre Eltern bei einem Krankenhausaufenthalt überhaupt medizinische Auskünfte erhalten, sagt Anna Hupperth. Das sei in Deutschland rechtlich sonst nicht möglich.
Das Beispiel unterstreicht, was die Gründerinnen oft betonen: Vorsorge macht man nie allein. Es gehören andere Menschen dazu, die Verantwortung übernehmen. Ihre Empfehlung: Mit Freunden und Angehörigen so früh wie möglich darüber zu sprechen.
Ein Sprint dauert sechs Wochen. Einmal pro Woche findet ein moderiertes einstündiges Online-Meeting statt. Bei Bedarf tauschen sich die Teilnehmenden über Themen der vergangenen Woche aus – auch darüber, wie sie sich mit Gedanken an den Tod gefühlt haben.
Dann folgt eine verständliche und praxisnahe Einführung zu einem neuen Thema, etwa zum Begriff des Vermögens und was der Gesetzgeber darunter im Kontext Vererben versteht. Noch während des Meetings erledigt jede*r Teilnehmende für sich kurze Aufgaben, legt etwa spontan eine Liste der eigenen Vermögenswerte an und kann Fragen dazu stellen. „Ganz wichtig: Wir dürfen weder rechtlich noch finanziell beraten“, betont Anna Hupperth. „Aber am Ende haben die Teilnehmenden ein besseres Verständnis, ob eine rechtliche Beratung für sie sinnvoll ist.“ Weitere Themen: Testament, Patientenverfügung, Sorgerechtsverfügung, Vollmachten, digitaler Nachlass, Wünsche für die Beerdigung und so weiter.
Nach jedem Meeting schickt tilde per E-Mail eine Zusammenfassung und die To Dos der Woche. Dann liegt es an den Teilnehmenden, ihre Aufgaben zu erledigen. Bei Fragen können sie das tilde-Team jederzeit kontaktieren.
Weitere Informationen
tilde bietet demnächst extra eine “Quick Version” des Sprints für 18- bis 25-Jährige an: Die vierstündige Online-Sitzung umfasst alle relevanten Themen, kurze Erklärungen und erste Übungen. Die Teilnahme ist kostenlos, ein Termin steht noch nicht fest, doch Anmeldungen sind bereits möglich unter https://www.jointilde.com/vorsorge-sprint
Weitere Sprint-Termine sind ab Juni 2026 geplant, möglich sind auch Sprints für Patchwork-Familien.
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